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Die Farben der Vergangenheit
eBook - Ein berührendes Familiengeheimnis über Verlust und Hoffnung, Neuausgabe / New edition, Neuausgabe / New edition
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Kapitel 1
Mit einem Seufzen kämpfte sich Rose durch einen Stapel von Dokumenten, während sie sich den Nacken massierte. Ein pochender Kopfschmerz kündigte sich an. Sie stand auf und stellte sich an das Fenster. Ihr großzügig geschnittenes Büro war mit einer Glasfront mit Blick auf den Kanal versehen. Der Herbst war ins Land gezogen, hatte die Blätter der Bäume verfärbt sowie eine Nebeldecke mitgebracht. Adaliz war eine Stadt mit bunten Häuschen, unweit der berühmten Lavendelfelder und den bekannten Weinbaugebieten der Provence. Es war eine taktische Entscheidung ihrer Familie gewesen, sich hier mit ihrem Firmensitz niederzulassen. Das Telefon klingelte, was sie aus ihrem Tagtraum riss.
»Rose, hörst du mich?«, ertönte die laute Stimme ihrer Großmutter, als sie abnahm.
»Salut Mamie, ich bin gerade beim Arbeiten.«
»Ich halte dich nicht lange auf, denn ich wollte dich nur fragen, wann du heute zum Essen kommst?«
Seit Rose von zu Hause ausgezogen war, nahmen sie mittwochabends gemeinsam das Abendessen ein. »19 Uhr?«
»In Ordnung, dann sehen wir uns später, ma puce.« Mein Floh – so nannte sie ihre Großmutter immer, da sie als Kind sehr lebhaft gewesen war.
Das Gespräch war beendet. Die Dokumente vor ihr verlangten nach Aufmerksamkeit, doch ihre Konzentration war dahin. Sie verließ ihr Büro, um zur Empfangsdame zu gehen, die stirnrunzelnd in den Computerbildschirm starrte.
»Kaffee?«, fragte Rose sie.
Lucie sah sie aus grünen Augen an. »Wer schickt dich, ein Engel?«
»Ärgert dich wieder der Drucker?« Die Schreibkraft und der Printer hatten so manche Differenzen ausgetragen. »Nein, aber ein Kunde hat eine seltsame E-Mail gesendet. Ich verschone dich mit den Inhalten.«
Sie gingen zum Aufenthaltsraum, in der eine Kaffeemaschine stand. »Mein Überlebenselixier«, murmelte Lucie, während sie ein paar Knöpfe drückte.
Rose schmunzelte.
»Was machen die Gesetze?«, fragte ihre Freundin, ließ sich auf einen Stuhl nieder und fasste ihre roten, schulterlangen Haare zu einem Dutt zusammen. Das Neonlicht verstärkte ihre Sommersprossen, denn es ließ ihre Haut bleicher wirken. Lucie trug ein elegantes, blaues Kostüm, das sich an ihrem zierlichen Körper schmiegte. Sie war stets tadellos gekleidet.
»Wie immer. Verträge, die ich studieren und aufsetzen muss.« Rose schenkte zwei Tassen Kaffee ein, um sich dann zu ihr an den Tisch zu gesellen.
Lucie hatte sich ihrer seit dem ersten Tag in der Firma angenommen. Ihr war es gleichgültig gewesen, dass Rose eine De Benoit war. Sie hatte eines Nachmittags an ihre Bürotür geklopft und ihr einen Kaffee gebracht. Das gemeinsame Kaffeetrinken hatte sich mit der Zeit eingebürgert.
»Woran denkst du?«, fragte Lucie.
Rose erzählte es ihr.
»Du hast so verloren ausgesehen, da habe ich mir gedacht, es muss nicht einfach sein, die Tochter des Chefs zu sein.«
Nein, das war es nicht. Der Gedanke an ihren Vater ließ sie seufzen. Thoma besaß einen messerscharfen Verstand. Er führte die Geschäfte der De Benoit mit eiserner Hand, wodurch er aus dem Familienunternehmen ein millionenschweres Unternehmen gemacht hatte. Der Name De Benoit war ein Segen und ein Fluch: Er öffnete Türen, ließ einen jedoch nie die Herkunft und die damit verbundenen Erwartungen vergessen.
»Mein Becher ist leer«, stellte Rose fest. Es war Zeit an die Arbeit zurückzukehren.
»Meiner auch«, murmelte Lucie, als sie aufstand.
***
Tock, tock, erklang der eiserne Türklopfer, als sie ihn betätigte.
Eine ältere Bedienstete öffnete die Tür. »Mademoiselle De Benoit, Sie werden bereits erwartet.«
»Danke, Aimee«, erwiderte Rose und trat ein. »Ich finde den Weg.«
Sie würde sich im Herrenhaus selbst mit verbundenen Augen zurechtfinden. Großzügige Flure, hohe Decken, unzählige Räume - ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Als sie zum Speisesaal ging, streifte ihr Blick einen Spiegel. Eine 32-jährige Frau mit grauen Augen starrte ihr entgegen, ihre Haut war alabasterfarben und die Haare fielen ihr in weißblonden Korkenzieherlocken bis zur Schulter. Ihr Gesicht erinnerte sie an einer Porzellanpuppe, wenn nicht ihre lange und spitzige Nase gewesen wäre. Rose trug ein cremefarbenes Zopfmusterkleid, das ihre großzügigen Kurven betonte. Sanft strich sie ihre Haare zurück, riss ihren Blick vom Spiegel los, um dann in den Speisesaal einzutreten. In dessen Mitte stand eine große Tafel, an der bis zu zehn Personen Platz fanden. Vorhänge ließen den Raum, obgleich der raumhohen Fenster, düster wirken.
»Rose«, sagte Anne De Benoit, ihre Großmutter, während sie sich erhob. »Es ist schön, dich zu sehen.« Sie war eine stolze Frau, und ihre Kleidung stets tadellos. Das Alter hatte sie mit Falten gezeichnet, ihr Haar weiß gebleicht, doch ihr Gang war trotz ihres kleinen Buckels aufrecht, was sie größer als ein Meter fünfzig erscheinen ließ. Zumindest war dies normalerweise der Fall, aber heute stützte sie sich auf einen Stock, wodurch sie zerbrechlich und wie die Frau mit 85 Jahren, die sie war, wirkte.
Rose küsste ihre Großmutter, welche sie um gut zwanzig Zentimeter überragte, auf die Wangen. »Bonsoir, wie geht es dir?«
»Das Alter, es macht, was es will.« Mamie winkte ab. »Du siehst blass aus, gehst du genug in die Sonne?«
»Ich bin immer blass«, wiegelte Rose ab. »Wo ist Thoma?« Seit sie sich erinnern konnte, hatte sie ihren Vater stets mit Vornamen angesprochen.
In diesem Moment erklangen Schritte und Thoma De Benoit trat ein. Er war ein hagerer gewachsener Mann, der Rose seine Augenfarbe und Locken vererbt hatte. Seine grau-melierten Haare trug er raspelkurz, was ihn älter wirken ließ als Anfang sechzig. »Bonsoir«, begrüßte er sie. »Schön dich zu sehen, Tochter.«
Das Essen wurde serviert. Rose genoss die Köstlichkeiten. Als Vorspeise gab es einen leichten Salat und als Hauptspeise ihr Leibgericht: Ratatouille, ein Gericht aus geschmortem Gemüse. Seit sie einer Jagd beigewohnt hatte, war sie Vegetarierin. Wenn sie so darüber nachdachte, war es seltsam, dass ihr Vater dies einfach so akzeptiert und dem Personal entsprechende Anweisungen erteilt hatte. Denn meistens hatte er wenig auf ihre Meinung gegeben. Sie hatte liebevolle Erinnerungen an ihren Vater, als sie noch ein Kind war: wie sie gemeinsam mit ihm durch den Raum tanzte, schief und laut dazu sang, doch irgendwann war diese Version durch einen distanzierten Thoma ersetzt worden. Als sie vierzehn war, steckte er sie in ein internationales Internat in Südfrankreich. Rose, die mit Mamie und diversen Au-pairs aufgewachsen war, sehnte sich nach der Gesellschaft von gleichaltrigen Jugendlichen, doch die Vorstellung von zu Hause wegzugehen, widerstrebte ihr. Sie rebellierte gegen die Entscheidung ihres Vaters – umsonst.
Eindrucksvoll ragten die eisernen Tore von Baron vor ihr auf, als sie ein Chauffeur absetzte. Mamie begleitete sie, denn Thoma hatte wichtige Meetings. Bevor sie sich versah, befand sie sich alleine in Südfrankreich wieder. Das Internat war luxuriös, auf die Bedür...
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